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+++ Interview +++

BR (Britta Röder): Happy Birthday! Im Oktober 2018 wird das „Literarische Wohnzimmer“ fünf Jahre alt. Zu diesem feierlichen Anlass wird am 21. Oktober 2018 Dr. Roland Held den Autor Jorge Luis Borges vorstellen.
Das „Literarische Wohnzimmer ist als monatlich in den Verlagsräumen stattfindende Veranstaltungsreihe inzwischen zu einer festen Institution geworden. Kathrin, magst Du kurz etwas zum Veranstaltungskonzept erzählen?

KH (Kathrin Hampf): „Das literarische Wohnzimmer“ ist die Quintessenz früherer Veranstaltungen – in etwas kleinerem Rahmen. Gemäß Verlagsintention wird bei den monatlichen Wohnzimmerlesungen an vergessene/verstorbene Autor*innen erinnert. Diese Lesungen haben jetzt für mich Priorität; aber vielleicht entdecke ich hier ja ein Buch, welches in die Reprint-Reihe des Kranichsteiner Literaturverlags passt.


BR: Hinter dem Literarischen Wohnzimmer steht der Kranichsteiner Literaturverlag, dessen Verlegerin Du bist. Der Blick ins Verlagsprogramm zeigt, dein Verlag ist nicht nur klein, sondern auch sehr spezialisiert. Kein Mainstream, keine Neuheiten. Es sind ausschließlich Titel zu finden, die man anderswo nur noch mühsam über Antiquariate beziehen kann. Diese exklusive Ausrichtung auf „alte“ Titel ist das Erkennungsmerkmal. Wie kam es zu dieser Verlagsidee?

KH: Zur Verlagsgründung – vor 26 Jahren – kam es, weil die Autobiografie „Zarathustras Sippschaft“ von Ursula Sigismund nicht mehr lieferbar war und doch zu Ursulas 80. Geburtstagsfest wieder verfügbar sein sollte. Mit dieser ersten Buchveröffentlichung war das Konzept des dazu neu gegründeten Kranichsteiner Literaturverlags vorgegeben: An nicht mehr lieferbare, vergessene Bücher wie auch Autor*innen zu erinnern.
Naheliegend erst einmal Bücher hiesiger Autoren, wie zum Beispiel Elisabeth Langgässer und Ernst Kreuder (beides Büchnerpreisträger), Wolfgang Weyrauch, Kasimir Edschmid und auch Georg Hensel.
Inhaltlich ist die Reprint-Reihe geprägt durch sozial-/zeitkritische Themen beziehungsweise Strukturen. Walter Jens zum Beispiel beschreibt in seinem Roman „Nein – Die Welt der Angeklagten“ die Utopie eines totalitären Staates. Elisabeth Langgässer reflektiert in ihrem Roman „Gang durch das Ried“ die politische und gesellschaftliche Situation der hessischen Region nach dem ersten Weltkrieg und Georg Hensel schreibt in seiner Erzählung „Nachtfahrt“ über die Qual eines Soldaten, der im Krieg einen Menschen erschossen hat.


BR: Man sieht den Büchern eine große Liebe zum Detail an. Die Buchcover sind sehr künstlerisch gestaltet. Wie eng ist die kreative Zusammenarbeit? Wie kommt das jeweilige Bild zum Buch?
KH: Die Titelbilder werden hauptsächlich von der Malerin Beate Koslowski gestaltet. Sie interpretiert mit ihrem Bild den Inhalt des Buches. Für „Das war überall“ von Wolfgang Weyrauch wurde auf Wunsch von Margot Weyrauch eine Zeichnung des Malers Sascha Juritz verwendet und bei Kasimir Edschmids expressionistischem Roman „Die achatnen Kugeln“ wurde auf das zeitgemäße Titelbild der Erstveröffentlichung von 1920 zurückgegriffen.

BR: Wer aktuell das Geschehen in Politik und Gesellschaft verfolgt, hat zeitweise den Eindruck, Geschichte wiederhole sich. Erhalten dadurch ältere Titel eine neue Aktualität?

KH: Die Inhalte der Bücher haben leider nichts an Aktualität verloren; da geht zum Beispiel in Ernst Kreuders Roman „Herein ohne anzuklopfen“ einer freiwillig ins Irrenhaus, weil er die Welt „da draußen“ nicht mehr aushält.


BR: Wie bist du überhaupt Verlegerin geworden? Welche Bücher oder Büchermenschen haben dich besonders geprägt? Welches war dein bisher schönstes Büchererlebnis?

KH: Ende der 80er Jahre habe ich Iris Anna Otto zum Literarischen März und auch zum Literaturstammtisch, von Fritz Deppert und Christian W. Schmitt geleitet, begleitet. So lernte ich die hiesigen Schriftsteller*innen wie auch junge Autor*innen kennen. Dadurch entstand die Idee, Lesungen zu veranstalten. Daraus entstand „Der literarische Abend im Café“, eine monatliche Lesereihe im Café ‚Chat Noir‘ in der Kahlertstraße, später dann im Café ‚Das Blatt‘.
Daraus entstand die Literaturinitiative Darmstadt, deren Vorsitzende ich 16 Jahre lang war. Daraus entstand auch „Die literarische Nacht im Garten“, die einmal jährlich in Pfungstadt auf privatem Grundstück stattfand. Eine der hier beeindruckendsten Lesungen war die von Harry Rowohlt, aber auch Marianne Sägebrecht, Elke Heidenreich und Ingrid Noll im Garten waren ein besonderes Erlebnis.


BR: Vielen Dank für deine Antworten. Dem Verlag wünsche ich ebenso wie dem „Literarischen Wohnzimmer“ viele gute weitere Jahre.

KH: Dankeschön, ich bin zuversichtlich. Zum Jubiläum am 21. Oktober präsentiere ich ja auch das neue Programm für „Das literarische Wohnzimmer“ 2019 im Verlagshaus in der Sandbergstraße. Alle, die sich dafür interessieren, sind wie immer herzlich eingeladen. Beginn 11.00 Uhr, der Eintritt ist frei.

 

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Aart Veder im Literarischen Wohnzimmer am 29. April 2018

 

 

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Ein Bericht zum Welttag des Buches von Dr. Ludger Fittkau im Deutschlandfunk Kultur am 23.04.2018:

 

http://www.deutschlandfunkkultur.de/verlage-besuchen-zum-welttag-des-buches-wo-haratischwili.1270.de.html?dram:article_id=416281/

 

 

 

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Lesung im Literarischen Wohnzimmer des Kranichsteiner Literaturverlags vom 26.02.2017, auf Radio Darmstadt am 22.03.2017 gesendet:

"Evelyn Wendler stellt vor: Maxie Wander". Die Sendung ist ab sofort als Podcast nachzuhören und herunterzuladen:

 

http://gegendasvergessenlebensarbeit.podspot.de/post/evelyn_wendler_stellt_vor_-_maxie_wander_-_klv-038_-_lap-115a/

 

 

 

 

 

 

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Wir trauern um unseren Autor Gerhard Zwerenz

 

 

Der Satz von Kurt Tucholsky "Alle Soldaten sind Mörder" hat Gerhard Zwerenz, der sich 1942 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte, damals wie ein Keulenschlag getroffen. "Plötzlich habe ich mich als Mörder gefühlt, obwohl ich nie jemanden getötet habe. Diese Erkenntnis verdanke ich der Klarsicht Tucholskys, der mich seitdem begleitet hat, wo immer ich auch war."   

 

Gerhard Zwerenz ist am 13. Juli 2015 im Alter von 90 Jahren verstorben.

 

In seinem biografischen Roman "Gute Witwen weinen nicht" schildert Gerhard Zwerenz die letzten Lebensjahre Kurt Tucholskys im Exil in Schweden. Er erzählt von Tucholskys Frauen, seinen Leiden, seinem Hass auf die Nazis und seinem plötzlichen Tod.  

   

 

Wir trauern um unseren Autor Walter Jens...
 

 

Walter Jens, ein großartiger Rhetoriker und eine "moralische Instanz", ist am 9. Juni 2013 im Alter von 90 Jahren gestorben.

In seinem utopischen Roman NEIN - DIE WELT DER ANGEKLAGTEN schildert Walter Jens den Alptraum eines totalitären Staates. Ein erstaunlicher Roman für einen damals 26 jährigen.  Gert Heidenreich schreibt im Vorwort zur Reprintausgabe "Die Erzählweise, in der Jens hier verfährt, ist an den klassischen Spannungs-Mustern der utopischen Literatur orientiert. Mit einigen wenigen Strichen wird die Situation glaubhaft umrissen, werden unsere Assoziationen freigesetzt."